KOMMENTARE/ARTIKEL

Artikel aus: Jahresschrift der Kapuziner 2014 / 2015
http://www.kapuziner.org

.Herzstück St.Bruno

Wie unruhig! Wäre es für eine Bildbetrachtung nicht angebrachter, ein Bild auszuwählen, das gleich auf den ersten Blick einen „Meditationskick“ auslöst? Kann sein, liebe Leserinnen und Leser. Es wäre ja auch leichter, den ganzen Tag im Meditationsraum eines Klosters zu verbringen,  wenn man in eine gute Grundhaltung  und Ausrichtung kommen möchte. Die wenigsten jedoch werden dazu die Gelegenheit (und Lust) haben. So kommt das unruhige Bild der Düsseldorfer  Künstlerin Cyntia Tokaya (*1969) unserer Lebenswirklichkeit vermutlich näher. Vielleicht halten Sie unsere Jahresschrift in der Weihnachtszeit in den Händen, vielleicht in den etwas ruhigeren Tagen danach, vielleicht an einem Sonntagabend im Frühjahr. Auch wenn es um uns herum relativ ruhig und gelassen zuzugehen scheint, ergeben sich an den Schnittstellen der inneren und äußeren Umwelt immer wieder kleine „Wärmegewitter“. Unruhig ist das Herz. Das ausgewählte Bild stellt das Herzstück des Kreuzweges dar, den die Künstlerin in den Jahren 2004 bis 2006 auf vierzehn Metern Länge für die St. Bruno Kirche in Düsseldorf  gestaltet hat. Als franziskanische Ordensleute haben wir eine  besondere Nähe zum Kreuzweg, den unser Ordensvater Franziskus verbreitet hat. Der Herr am Kreuz. Ausdruck absoluter Einsamkeit. Hingehängt und hängen gelassen. Hingabe und verlassen worden. Die Solidarität Gottes bis weit über die Schmerzgrenze hinaus.  Gleichzeitig unüberbietbare und majestätische Erlösungstat. Das Kreuz, der Baum des Lebens, das Siegeszeichen. Was für Gefühlschaos, liebe Leserin, lieber Leser! Wie eine Lupe, ein Fokussierungsring, ist das Zentrum des Bildes eingekreist, herausgehoben, sanft abgrenzt. O Haupt, voll  Blut und Wunden. In die Farbe des Lichtes getaucht, auf den Ostersieg verweisend. All das Gewirr wird ausgeblendet durch den wohltuenden Tunnelblick. Es entsteht ein direkter Kontakt zu Jesus am Kreuz. Face to face – ganz unmittelbar. So entsteht in all der Unruhe ein Moment höchster Sammlung, absoluter Konzentration, berührender und bleibender Begegnung. Der Herr und ich. Ich und der Herr. Punkt. Christusbeziehung im Konzentrat der Entäußerung. Nicht zu fassen aber packend. Der Kreis um das Zentrum hat zwei Energien: Konzentration und Mission, Sammlung und Sendung, Kommen und Gehen. Wie jede Feier der heiligen Messe. Christus zieht uns an sich und sendet uns als seine Jüngerinnen und Jünger in unsere, in seine Welt hinaus. Mit all ihren realexistierenden Spannungsfeldern. So hat der Kreis des Bildes keine dicken Mauern. Er verweist zwar auf das Zentrum, stellt aber keine unüberwindliche Grenze dar. Tunnelblick ist nur für ein paar Sekunden gut.
Rechts unter dem Kreuz werden schemenhaft Gesichter erkennbar. Maria und Johannes unter dem Kreuz mit ihrer Treue und ihrer Furcht, ihrer Liebe und Ratlosigkeit. Da ist auch Dein Platz. Da ist auch Platz für Deine Gefühlsmengenlagen. Diagonal dazu hebt sich vom Blau des Himmels und der Berge in Gestalt der Taube er Heilige Geist ab. Garant dafür, dass kein Kreuz dieser Welt Ort absoluter Gottesferne sein kann. In der unteren linken Bildhälfte markiert ein Pfeil die Seitenwunde Jesu. Quell des Lebens und der Sakramente, Ausdruck der bedingungslosen Liebe Gottes. Eindeutige Verbindung des Konzentrationskreises mit der Außenwelt. Dieser Strahl durchläuft das Rot der Zuneigung, das Grün der Hoffnung und reicht bis in die dunklen Ecken des Bildes und unserer Verfasstheit hinein.  Die Grundstimmung des Bildes machen Sogkraft und  Fließkraft aus. Da, wo das Kreuz ist, da wo der Gekreuzigte und Auferstandene Raum nehmen darf, kommt vieles in Bewegung. Da wird nicht alles ruhig wie in „Stille Nacht, heilige Nacht“. Da bleibt es mitunter laut und unübersichtlich. Gut, wenn uns die Feste im Jahreskreis und die klösterliche Struktur des Alltags immer wieder die Option anbieten, auf all das, was unser Leben im Moment ausmacht, den Fokussierungsring zu legen. Wo finde ich Christus in meinem Leben? Wie berührt er mich? Wohin sendet er mich?
Und, liebe Leserinnen und Leser, wenn es doch einfach mal der Meditationsraum sein darf, finden Sie in unseren Klöstern hilfreiche Angebote und Kapuziner, die sich gerne mit Ihnen auf den geistlichen Weg  mit Ihnen machen.
Beste Segenswünsche!
P. Stefan Maria Huppertz OFMCap

 

  1. Stefan Maria Huppertz OFMCap leitet seit 2011 als Pfarrer von St. Anton und St. Andreas den Pfarrverband Isarvorstadt in München
    (www.pfarrverband-isarvorstadt.de).
    Das vorliegende Bild ist auch sein Primizbild.

Artikel aus: Jahresschrift der Kapuziner 2014 / 2015
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THE DOOR

„The Door“ 

 von Volker-Joe, im September 2012  und  2. März 2013

 

 Wie bin ich da hineingekommen,

dahin gekommen.

Ich stehe nur auf einmal mitten drin

und halte erst einmal den Atem an

für einen Moment

Mitten hinein gesetzt in eine andere Welt,

die Wirklichkeit über, unter, in und zwischen allem, das lebt,

gestern und morgen fallen zusammen in diesen Augenblick,

jetzt,

 

Und wo ist ihr Ort?

ES  hat mich auf einmal verschluckt,

mitten in die Tiefe meines Herzens hinein,

das mir in diesem Moment wie ein „Schwarzes Loch“ erscheint,

in die tiefste Tiefe meines Seins,

in die tiefsten Tiefen des Dschungels im Ozean,

wo hinein ich ganz verschwinde

eine Reise, unendlich weit in Lichtgeschwindigkeit

Transformation von Energie

und doch nur in einem Moment

und direkt über mir, unter mir, inwendig in mir

zwischen allem Wesen

und jenseits von Allem.

 

Der Verstand sagt:

Es ist doch nur ein Bild, das ich sehe.

Doch ich sehe nach innen.

Und ich sehe in die unendliche Tiefe

der tiefsten Tiefe des Ozeans

und gleichzeitig an das Ende des Kosmos,

dessen Licht mich in der Tiefe sehend macht.

Sehen und alles wahrnehmen,

mit meiner Seele wahrnehmen und mit dem Herzen.

all dies Unaussprechliche.

Zeit und Ort sind aufgehoben 

und fallen zusammen in Eines.                 

                                                                             

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Vincent said hi !

„Vincent Said Hi !“

Eine Bildbetrachtung von Joachim Schneider-Bodien.

Das Gemälde enthält eine Art Bildgeschichte, die als Schöpfungsgeschichte, aber auch als
Erntedankfest gedeutet werden kann. Die Mehrdeutigkeit stellt den besonderen Reiz des Bildes dar.
Falls es nicht zu hoch gegriffen ist, könnte man die mit dem Bild erzählte Geschichte sogar
verallgemeinern und als Allegorie des Lebens insgesamt einordnen. Im Einzelnen:

In Anlehnung an den Titel „Vincent said hi“, also etwa: „Vincent (wohl van Gogh) lässt grüßen“,
überwiegen in dem abstrakt-figurativen Bild warme, goldgelbe und braun-rötliche Farbtöne, die an
Sommer und Herbst in Südfrankreich denken lassen. Nur ganz vereinzelt werden pastellfarbenes Blau
und dunkles Rot eingesetzt.

Um ein Sonnenmotiv in der Bildmitte (oder ist es ein Spiegel mit einem schemenhaft angedeuteten
kleinen Gesicht mit spitzer Nase und runden Brillengläsern darüber?) sind im Uhrzeigersinn
verschiedene Einzelmotive angeordnet, die -zusammen gelesen- die Story des Gemäldes ergeben.
Manches ist nicht detailliert ausgemalt, sondern mit kraftvoll-energischem Pinselstrich nur
angedeutet. Es sind Angebote an den Betrachter, ergänzend eigene Vorstellungen zu entwickeln. Die
Komplexität der Gesamtkomposition erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Links unten sind zwei Gesichter angeordnet. Das Frauengesicht links hält die Augen geschlossen.
Träumt die Frau, gibt sie sich in ihr Schicksal oder blickt sie einfach nur dezent nach unten? Die
kleinen diagonal gekreuzten schwarzen Striche auf der Stirn in Verbindung mit den von oben
kommenden langen schwarzen Strichen könnten eine Segnung in der Art mittelalterlicher
Verkündigungsszenarien andeuten. Aber vielleicht wäre eine solche Deutung schon eine
Überinterpretation. Der rechts neben dem Frauenkopf angeordnete Männerkopf wendet sich mit
offenen Augen fast ratlos halb dem Betrachter und halb dem Hinterkopf/Rücken der Frau zu.

Rechts neben dem Männerkopf fliegt ein nur durch die schwarzen Randkonturen als solcher
erkennbarer Schmetterling aus dem Bild. Sein hinterer linker Flügelrand berührt die linke
Gesichtshälfte des Männerkopfes, so als ob der Mann zwar körperlich nahe bei der Frau, mit seinen
Gedanken aber vielleicht doch (noch oder schon wieder?) woanders ist.

Der Schmetterling als das Symbol der Metamorphose (antikes Auferstehungssymbol, wobei die
Puppe den Tod und der Falter die Auferstehung repräsentiert), also der Verwandlung in einen
anderen Zustand, könnte auch als Beschreibung der Veränderung gedeutet werden, die die
Beziehung der beiden Personen zueinander für diese mit sich bringt.

Die Linie, die die beiden Köpfe voneinander trennt, ist gleichzeitig die gemeinsame Begrenzung der
beiden Köpfe. Am verlängerten unteren Ende der gemeinsamen Grenze befindet sich ein kleiner
schwarz umrandeter roter Kreis oder eine rote Kugel (Symbol für Unruhe, Entzündungsherd, Herz
oder mehr?).

Rechts von diesem Kreis, zwischen den Köpfen von Mann und Frau wachsen aus einem Halm zwei bis
an den oberen Bildrand reichende reife Weizenähren, die schon in der biblischen Zeit häufigste und
wichtigste Getreideart (Lk 22, 31 oder Joh 12, 24). Der biblische Bezug ist offenbar gewollt, denn es
handelt sich um eine besondere, eben die ägyptische Weizensorte (Triticum compositum), bei der
abweichend von den heute verbreiteten Sorten mehrere Ähren an einem Halm sitzen (1 Mo 41, 5).

Links von dem roten kreis- oder kugelförmigen Gebilde geht, wiederum zwischen den beiden Köpfen,
eine Linie nach oben, die sich bald gabelt, die Begrenzung der Haaransätze der beiden Köpfe markiert
und sich über den Köpfen wieder vereint. Sie berührt die Abtei rechts oben, umschließt das Brot und
die Ähren in der Mitte und schneidet zusätzlich am Rand einen Fisch. Die wie eine Sprechblase
ausgeformte Linie verklammert die einzelnen Motivelemente zu einem Ganzen.

Links über beiden Köpfen brennt eine Kerze, die als Zeichen des Lichts (in der Osterliturgie), des
Geistes (bei der Verkündigung Mariens), als Lebenskerze (in der Totenliturgie), als Symbol
immerwährender Liebe oder jedenfalls aufkeimender Zuneigung verstanden werden kann.

Rechts von der Kerzenflamme befindet sich schemenhaft, ein in übernatürlich hellem Blau
gehaltener, doppelgesichtiger Kopf, ein Motiv, das in der Kunstgeschichte mehrfach, z. B. bei Chagall
und Picasso, auftaucht. Das helle Pastellblau wiederholt sich zweimal, und zwar im Dach der rechts
oben im Bild angedeuteten Abtei und im linken Auge des Männerkopfes im Bild unten.

Das nach links gewandte Gesicht des blauen Kopfes hat einen Oberlippenbart (Vincent?). Das nach
rechts gerichtete Gesicht könnte ein Kindergesicht (Traum oder Projektion?) darstellen. Rechts
neben dem Doppelkopf sind Schlieren in der Luft über einem Kornfeld angedeutet. Sie können als
flirrende Hitze interpretiert werden, die sowohl von der Kerze als auch von der in vielen Bildern van
Goghs über Kornfeldern anzutreffenden sengenden Sonne stammen kann (Glut/Leidenschaft?). Bei
näherer Betrachtung ist man versucht, in der flimmernden Hitze zusätzlich die Andeutung einer
Taube (im AT Sühneopfer der armen Leute 3 Mo 1, 14, im Nt Symbol des Geistes Mt 3, 16; Mk 1, 10;
Lk 3, 22; Joh 1, 32) wahrzunehmen.

In der oberen rechten Ecke des Bildes sieht man die bereits erwähnte Abtei, eine baulich mehrfach
gestaffelte südfranzösische Klosteranlage. Sie hat einen angedeutet achteckigen Vierungsturm,
dessen mittlere Höhe mit den Proportionen der Gesamtanlage gut harmoniert. Der die Anlage
krönende Vierungsturm ist für die romanische Sakralarchitektur typisch, ohne dass der Bezug auf ein
bestimmtes Kloster eindeutig wäre (z. B. Bligny-sur-Ouche, Saint-André/Lavadieu, Saint-
Étienne/Nevers, Saint Foy de Conques/Aveyron, Saint-Florent et Saint-Honoré/Til-Châtel oder
Pontigny/Yonne?).

Es kann sich bei der Abtei um ein nicht weiter bedeutsames Zitat zur Ergänzung des Bildes handeln.
Denkbar ist allerdings auch ein bewusst kirchlicher Bezug. Kirchlicher oder -genauer -Gottes Segen
fundiert oder ergänzt das Glück der beiden dargestellten Personen, etwa in dieser Art könnte die
Aufnahme der Abtei in den Reigen der Bildmotive gemeint sein.

Unter der Abtei ist eine Angel ausgelegt, an deren Haken sich ein Wurmköder krümmt. Neben bis
unter der Angel befindet sich ein Fisch (Goldbrasse?), auf dessen Rücken sich statt Schuppen
ausgekratzte und teilweise wieder übermalte, an Arnulf Rainer erinnernde, aber dennoch in ihrer
Bedeutung nicht identifizierbare Wortsilben befinden. Schon in der vorchristlichen Kunst werden
Fischfang und Angel als Heil- und Taufsymbol verwendet. Damit könnte aber auch ein Bezug auf den
biblischen Fischzug in Lk 5, 1 ff (Seelenfischer) angedeutet sein.

Daneben wiederum liegt ein Laib Brot, ebenfalls eine mögliche Anspielung auf das
alttestamentarische Fest der Weizenernte (Ex 34, 22) oder die Speisung der Fünftausend (Mk 6, 30 ff
u. 8, 1 ff) oder auf das Herrengebet (Mt 6, 11: „Unser tägliches Brot gib uns heute“) im neuen
Testament.

Die eingangs vorläufig als Sonne oder Spiegel interpretierte gelbe Scheibe in der Bildmitte kann nach
dem Ergebnis der Einzelwürdigung und der Zusammenschau aller Bildmotive genauso gut als das
existenzsichernde tägliche Brot und darüber hinausgehend vielleicht auch als Grund und Folge einer
gelungenen Verbindung von Mann und Frau gedeutet werden.

Glückwunsch Frau Tokaya! Ihnen ist ein tolles Bild gelungen, das in vielfacher Weise zum
Nachdenken anregt. Auch dann, wenn man biblisch oder -allgemeiner ausgedrückt- transzendental
nicht ganz so musikalisch ist, kann man sich an den warmen Farben und der gelungenen Komposition
der Einzelmotive immer wieder aufs Neue erfreuen.

Joachim Schneider-Bodien

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from-israel-with-love

„From Israel with love“     Predigt zum Bild von Bernd Neuser,     28. März 2010

Was für ein Bild, liebe Gemeinde, mächtig, ernst und von diesem rostigen Rot, ein Rot, das gleichzeitig schön ist und schrecklich. Selbst von nahem denkt man, da hätte Cynthia Tokaya eine rostige, Monate oder Jahre abgestandene Brühe auf der Leinwand verteilt. Kunst spielt gerne mit der Schönheit des Verfalls oder mit dem Verfall der Schönheit.

Das Weiß und die Grauschattierungen geben dem Bild etwas Ehrwürdiges, Tiefes, wie Morgennebel, der verhüllt, und doch vom Licht des neuen Tages spricht und vom hellen Morgen.

Den Jerusalemer Tempel hatte Cynthia Tokaya im Sinn, hat sie uns verraten, und die Bundeslade, jene Holzkiste mit zwei langen Stangen, die das Volk Israel durch die Wüste begleitete. Die beiden weißen Querbalken erkenne ich im Bild.

Vielleicht erinnern Sie sich, liebe Gemeinde, wie die Tafeln mit den 10 Geboten in der Bundeslade das Volk begleiten. Wie die Lade im Heiligen Zelt, der Stiftshütte, das Zentrum der Verehrung Gottes wird. Wie dann die Vorstellung wächst, das Gott selbst über der Bundeslade thront. Zwei Engel, zwei Cherubim auf der Bundeslade sind gewissermaßen sein Thron, wenn er erscheint.

Und dann wird aus dem Nomadenvolk Israel ein Volk von Sesshaften, von Stadtbesitzern und Verteidigungskriegern. Hier werden sie erst zum Volk, aus ein paar Wüstenstämmen zum Volk Israel, sagen die Forscher.  Und hier wählen sie sich unter großen Bauchschmerzen Könige.  Einen Saul, der sich überschätzt und im Wahnsinn endet. Einen David, dessen Glanz durch die Jahrhunderte strahlt. Und der doch Fehler macht,  Ehen zerstört. Und als er Gott seinen größten Wunsch sagt, nämlich für die Bundeslade einen Tempel bauen zu dürfen, ein Nein hören muss.

Erst sein Sohn ist es, Salomo, der weise, der reiche. Er darf den Tempel bauen, voller Gold und Glanz. Auch wenn es Gegenrede gibt. „Gott wohnt nicht in einem Haus von Menschen erbaut.“ So sprechen die Kritiker schon vor dem Bau, und immer wieder werden Propheten erstehen, die das betonen, solange der Tempel steht: „Glaubt nicht, ihr seid stark, nur weil ihr Gott in eurem Tempel wohnen habt!“

Und doch wird der Salomonische Tempel zum Symbol Israels und Jerusalem zur Hauptstadt, politisch wie religiös. Und so hat Cynthia Tokaya es auch gemalt, „Israel“ steht da in hebräischen Buchstaben.

Aber das andere malt sie wohl auch: Im Jahr 587 vor Chr. zerstört Babylon Jerusalem und den Tempel. Ein ganzes Volk in der Verbannung, der Tempel in Trümmern und die Bundeslade verschollen bis auf den heutigen Tag. Die großen Propheten wie Jesaja sprechen in dieser Zeit. Und sie bauen Brücken, dass Gottes Treue nicht stirbt, weil ein Gebäude in Trümmern liegt. Ich finde auch davon etwas in diesem Bild. Die Sehnsucht nach Gott, der sich manifestiert, der sich bindet an einen Dom, eine Kathedrale. Aber auch das andere sehe ich, wie brüchig dieses Gebäude ist. Es steht da wie ein sterbender, müder, alterskranker Elefant…

Wir schreiben jetzt das Jahr 19 vor Christus. Jahrhunderte der Unterdrückung haben Israel geprägt. Aus David ist längst ein Mythos geworden, ein Glaubenssatz: Aus dem Hause Davids soll der kommen, der Israel erlösen wird. Und auch die Hoffnung auf den Tempel hat neue Nahrung: König Herodes beginnt in diesem Jahr, den Tempel komplett neu zu erbauen. Im Jahre 9 vor Christus wird er eingeweiht, auch wenn er erst im Jahr 64 nach Chr. ganz fertig sein wird.

„Und als Jesus aus dem Tempel ging,“ berichtet uns das Markusevangelium (Mk13.1+2), „sprach zu ihm einer seiner Jünger: “Meister, siehe, was für

Steine, was für Bauten!“ Es muss eine Hochstimmung gewesen sein zur Zeit Jesu. Auch wenn am Tempel noch herumgebaut wurde, war er doch fertig. 25 Meter hoch statt des alten Tempels von Salomo mit seinen 15 Metern. Und das Gold und die Materialien müssen überwältigend gewesen sein. „Herodes der Große“ hieß sein Erbauer nun, und das, obwohl der Bau nur von Roms Gnaden zu bewerkstelligen war, ein Geschenk der Unterdrücker.

Und Jesus sprach zu ihm. „Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ Wir können uns die Härte dieses Satzes nicht groß genug vorstellen. Da stellt sich Jesus in die Tradition der Propheten des Ersten Testaments. Das ist alles vergänglich, null und nichtig. Im Jahre 70 nach Christus kommt dann Kaiser Titus und machte all dem ein Ende. Er zerstört den Tempel endgültig und Jerusalem dazu. Jesus wird das geahnt haben, denn er hat geweint über die kommenden Trümmer Jerusalems.

Aber Jesus hat dem Tempel noch eine zweite Deutung gegeben. Wir haben Sie eben in der Lesung gehört. „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn

aufrichten.“ (Joh. 2,19)

Jesus weissagt seinen eigenen Tod und seine Auferstehung. Und er nimmt dazu das Bild des Tempels in Jerusalem. Er hat seine Geschichte auf seltsame Weise verschlungen mit diesem Gebäude. Warum dieser Satz, der damals sicherlich Kopfschütteln hervorgerufen hat?

Der Tempel war in dieser Zeit der wichtigste Ort der Gegenwart Gottes. Er war der Ort, an dem Gottes Gegenwart spürbar war, an dem Gott durch Opfer und Gebete gnädig gestimmt werden konnte.

Und Jesus nimmt nichts weniger als diesen Tempel, um darzustellen, was es heißt, dass sein Leben zu Unrecht zerbrochen wird. Dass, wer Hand an ihn legt, an Gott selbst Hand anlegt.  Und der Neubau des Tempels, der sicherlich damals als Wunder gepriesen wurde, wird zum Zeichen des Wunders, dass Gott seinen eigenen Sohn nicht im Tod lassen wird.

„Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Seltsam. Das war einer der Sätze,  die vor Gericht gegen ihn verwandt wurden, berichten die Evangelien. Seine eigene Deutung von Tod und Auferstehung wurde Jesus zum Verhängnis.

Habe ich dieses Bild nun überstrapaziert, liebe Gemeinde? Vielleicht. Aber ein Passionsbild sehe ich in diesem Gemälde schon, nämlich ein Leidensbild, ein Bild das davon spricht, das aus der Zerstörung sich neues Leben transformiert.  Das Formen vergehen im Nebel der Geschichte, und dass sich wahre Inhalte neue Wege suchen. Die Liebe bleibt. Das nehme ich mit aus der Geschichte Jesu, aus der Geschichte des Jerusalemer Tempels.  Die Liebe bleibt. Auch Gottes Liebe zu seinem Volk Israel. „From Israel with love“ heißt dieses Bild. „Aus Israel  in Liebe“.

Und einen guten Bekannten finde ich dann auch wieder, den ich auch sonst aus unserer Ausstellung kenne: den Kreis. Er steht für mich für die Liebe, für die unerforschliche Freundlichkeit Gottes, für seine Freude am Leben und an allem was ist. Wenn Sie gleich noch einmal herum gehen, finden Sie diesen Kreis im ersten Tage der Schöpfung wie auch im Angesicht des erlösten und erlösenden Jesus Christus.

In unserem Bild ist der Kreis rotbraun und hat die Farbe des Tempels. Gott hat sich einmal an diesen Tempel gebunden. Über den Kreis legt sich aber auch das Weiß der Zukunft, der Verheißung, des Weges ins Neue, Unbekannte. Und da führt eine Lebensader von links in den Kreis, legt sich daran wie ein Herzkranzgefäß. Wer genau hinsieht merkt, die Ader führt rechts weiter, unklar und verwischt, aber doch in der Tiefe stark.

Gott will das Leben, für Israel und auch für uns, durch Leid und durch Trümmer. Denn er hat sich uns verbunden. Die Liebe bleibt.

Amen.

Bernd Neuser
Pfarrer
Evang. Johannis-Kirchengemeinde Witten
Pleugerstr. 23
58454 Witten

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